Sinn und Unsinn im Schachtraining – Teil 2

Wem Teil 1 bereits gefallen hat, der kann sich nun über Teil 2 der Reihe: “Sinn und Unsinn im Schachtraining” freuen. Diesmal soll es um das Thema Visualisierung gehen, welches ich von verschiedenen Seiten beleuchten werde. Dabei unterscheide ich zwischen der Fähigkeit die 64 Felder des Schachbretts sicher zu benennen, und der Fähigkeit, Figuren vor dem geistigen Auge zu bewegen.

Koordinaten

Wenn ein Schachprofi eine laufende Partie kommentiert, so fällt auf, dass er oder sie permanent Züge nennt. Dies kann man z.B. beim Finale des Banter Blitz Cups zwischen Alireza Firouzja vs. Magnus Carlsen beobachten. Firouzja nennt in diesem Video nicht nur Figuren sondern braucht auch nicht über die Namen der Felder nachdenken. Das ist vergleichbar mit einem Musiker, etwa einem Pianisten, der sich ein Notenblatt auf sein Pult legt, und sofort die Töne vom Blatt spielen kann. Das Ganze geschieht routiniert und ohne Anstrengung. Genau so verhält es sich bei den Schachkommentatoren der großen Turniere, die lebhaft über Varianten diskutieren.

Und wie ist das bei uns Amateurspielern? Wie ausgeprägt ist unsere Fähigkeit zu visualisieren? Wie sicher können wir die Felder des Schachbretts benennen? Als ich im Jahr 2019 dem SV Wersten 1964 beigetreten bin, sich die Mannschaften für die kommende Saison gebildet hatten, und die ersten Mannschaftskämpfe anstanden, konnte ich vor allem eines beobachten: Egal welcher Gegner vor mir saß, ich konnte immer einen bestimmten Ablauf erkennen. Nämlich: Zug ausführen, dann an den Rand des Schachbretts schauen, um die Koordinaten abzulesen, dann die Uhr drücken, dann notieren. Der Blick ruht also nicht auf der Stellung, sondern der Blick wandert immer wieder an den Rand, dort wo die Koordinaten stehen.

Habe ich für mein Trainingsbrett zu Hause die Koordinaten am Rand mit Kreppband abgeklebt, um gezwungen zu sein selber auf die Namen der Felder zu kommen, ertappe ich mich bei einer Turnierpartie ebenfalls dabei, nach fast jedem Zug an den Rand zu schauen. Zur Sicherheit, zur Kontrolle. Richtig haarsträubend wird es dann bei der Notation. Meistens bemerkt man ja erst hinterher, was für einen Blödsinn man da eigentlich aufgeschrieben hat. Hinzu kommt, wenn man beim Notieren nicht berücksichtigt, dass oftmals Türme oder Springer auf das selbe Feld ziehen können.

So hatte ich beim DSAM-Cup in Düsseldorf eine Partie, bei der sowohl von mir als auch meinem Gegner bis ins Endspiel beide Türme auf dem Brett waren. Zu keinem Zeitpunkt habe ich in meiner Notation berücksichtigt, wenn ein Feld von beiden Türmen erreicht werden konnte, was die gesamte Notation unbrauchbar gemacht hat. Ich habe also nicht etwa Thd1 notiert, sondern nur Td1, auch wenn der zweite Turm auf c1 stand und ebenfalls auf d1 hätte ziehen können.

Die Nachteile einer mangelnden Notationsfähigkeit liegen also auf der Hand: Muss man immer wieder an den Rand des Brettes schauen und ist man unsicher in der Notation, kostet das unnötig Ressourcen, die man nicht auf die Stellung verwenden kann. Das ist vergleichbar mit dem Autofahren. Bei der ersten Fahrstunde musste man sich noch auf alle Handgriffe, wie Lenken, Kupplung treten, Spiegel beobachten, usw. konzentrieren. Nach vielen Jahren Fahrpraxis sind diese Bewegungen zur Routine geworden und man hat Reserven für andere Dinge, etwa Gefahrensituation.

Um nun die Koordinaten des Schachbretts zu trainieren gibt es verschiedene Hilfsmittel. Fast alle Online-Plattformen wie Lichess.org oder Chess.com bieten dazu etwas an. Dabei kann man auswählen, ob man aus Sicht von Weiß oder Schwarz üben möchte. In der Regel laufen dann 30 Sekunden auf einer Uhr runter und man muss in dieser Zeit so viele Felder wie möglich finden und anklicken. Es gibt aber auch praktische Apps dafür, etwa Chess Coordinate Trainer, bei der man die Zeitbegrenzung abstellen und so endlos üben kann.

Nach meiner Erfahrung sind diese Übungen nützlich, um sich mit dem Thema Koordinaten zu beschäftigen. Ich habe aber für mich festgestellt, dass ich trotz regelmäßigem Üben damit nicht weiterkomme, bzw. nicht mehr schneller werde. In 30 Sekunden erreiche ich etwa 19-23 Felder, brauche also für jedes Feld gut eine Sekunde um es zu finden. Ich navigiere auch oft nicht zielsicher auf ein Feld zu, sondern bewege mich nur grob in die Richtung. So kann es sein, dass ich für das Feld c5 schon auf der c-Linie bin, aber erst mal zu tief oder zu hoch, bei c4 oder c6. Ich kreise also zu sehr um die Felder und muss immer wieder nachjustieren. Ich habe mit diesen Übungen eine Art Plateau erreicht und komme darüber nicht hinaus.

Visualisierung

Neben der Beherrschung der Feldernamen ist die Fähigkeit Figuren vor dem geistigen Auge bewegen zu können natürlich essentiell. Alle Weltklassespieler beherrschen das eindrucksvoll. So kann man sich den Weltmeister Magnus Carlsen anschauen, wie er simultan gegen 3 Gegner spielt, und zwar blind. Die Bretter, die Figuren, die Stellungen sind in seinem Kopf. Natürlich sind wir nicht Magnus Carlsen. Wie sieht es also mit unserer Visualisierung aus?

Bauen wir vor unserem geistigen Auge folgende Stellung auf:
Weiß: Kg1, Df4, Te1, Te5, Bauern f2, g2, h2
Schwarz: Kg8, Dd2, Ta2, Ta8, Bauern a7, b7, c6, f7, g7, h6

Können wir uns die Stellung vorstellen? Sehen wir die Figuren scharf auf dem Brett? Und können wir die Taktik dahinter erkennen? Erkennen wir die Mattsequenz?

Wer diese Übung problemlos bewältigen konnte, braucht den Rest dieses Beitrags eigentlich nicht mehr lesen. Für alle anderen hier ein paar Überlegungen, wie wir unsere Visualisierungsfähigkeiten verbessern können.

Um die eigene Visualisierung zu verbessern und auch Erfolgserlebnisse zu erfahren, sollten wir in kleinen Schritten beginnen. Die folgende Übung ist der Videoserie von Alex Astaneh (Schulenglisch notwendig) entnommen. Wir nehmen uns eine Meisterpartie, z.B. aus dem Archiv von The Week in Chess, und unser Übungsbrett. Aber anstatt jeden Zug gleich auszuführen, ziehen wir die Figur zunächst in unserem Kopf. Dabei konzentrieren wir uns auch auf den Namen und die Farbe des jeweiligen Feldes, und üben so diesen Teil gleich mit. Los geht’s.

Hier nun die Grundstellung. Wir ziehen zunächst 3 Teilzüge von Weiß und 3 Teilzüge von Schwarz nur in unserem Kopf, nämlich:
1. e4 g6 2. d4 Lg7 3. Sf3 d6
Wir halten die Stellung so deutlich wie möglich in unserer Vorstellung. Wem dies noch zu schwer fällt, beginnt mit nur 2 Teilzügen für Weiß und Schwarz. Wer schon Erfahrung damit hat, kann die Zugfolge auf 4 und mehr Teilzüge erweitern.

So sieht die Stellung nach Zug 3 nun aus. Machen wir weiter;
4. Sc3 Sf6 5. h3 O-O 6. Le3 a6
Alle Figuren vor dem geistigen Auge gesetzt?

Entspricht die Vorstellung dem Diagramm?
7. a4 Sc6 8. Lc4 e6 9. Lb3 Tb8

So lassen sich effektiv Koordinaten und Visualisierung üben und allmählich wird eine Verbesserung, wie bei einem Muskel der regelmäßig beansprucht wird, eintreten. Dabei wird auffallen, dass natürlich die ersten Eröffnungszüge immer leichter fallen, da wir sie einfach schon öfter gesehen haben, als die Stellungen, die sich im späteren Verlauf der Partie ergeben.

Fazit

Visualisierung ist eine Grundfähigkeit im Schach, die genau so geübt werden sollte, wie Taktiken, Eröffnungen, Endspiele und alles andere auch. Sie macht aber auch die letztgenannten Themen einfacher zu trainieren. So hilft Visualisierung;

  • Taktiken besser zu erkennen und Taktikübungen schneller zu lösen
  • In Partien ruhiger und fokussierter zu sein
  • Schachbücher besser lesen und verstehen zu können (besonders Bücher, die in ihren Beschreibungen gleich mehrere Varianten hintereinander anbieten)
  • Mehr Spaß und Erfolgserlebnisse im Schach zu haben

Was in der Musik also das Notenlesen und Vom-Blatt-spielen ist, ist im Schach das Koordinatenlesen und Visualisieren. Lernen wir also die Sprache des Schach. Üben wir Visualisierung.

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