In Mainz fand das Gutenberg Open statt und mit Matthias, Lena und Sven machten sich drei Werstener auf die weite Reise.

Das Turnier war nach Johannes Gutenberg (1400-1468) benannt, dem Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, was das Druckverfahren stark vereinfachte und die Verbreitung von Wissen, Bildung, Religion und oft auch Unfug.
Der Trick damals wie heute ist vermutlich, das eine vom anderen rational zu unterscheiden und Leuten, die zu ganz anderen Einschätzungen kommen, nicht den Kopf einzuschlagen, sondern am Schachbrett zu zeigen, wie sehr sie doch falsch liegen.
Diesem Mann aus dem 15. Jahrhundert haben wir es indirekt auch zu verdanken, dass wir heute so viele Schachbücher haben, gute, wie schlechte, die wir dann aber meist nicht lesen und wenn wir sie doch lesen, nicht verstehen und wenn wir sie doch verstehen, den Inhalt in der Praxis oft nicht anzuwenden wissen.
Es war ein schönes Event – stark besetzt mit Spielern bis zu Elo 2400 inklusive eines Großmeisters. Für unsere Verhältnisse war es jedenfalls stark besetzt – Eine IM-Norm hätte man dort nun nicht gerade machen können, was aber für uns normal-sterbliche Schachamateure sowieso keine realistische Option war. Zwischen den Runden hatten wir Gelegenheit, Mainz etwas näher kennenzulernen und besuchten kurz ein Weinfest, welches dort gerade stattfand.
Das Turnier hatte an drei Tagen Doppelrunden, die Zeitkontrolle war dabei 90 Minuten für die ganze Partie mit 30 Sekunden Inkrement. Dadurch waren die Partien einerseits etwas „hektischer“, da es ab Zug 40 keine extra Zeit gab, andererseits gab es dadurch etwas mehr Zeit, sich zwischen diesen Runden zu erholen und für die Ortsunkundigen Mainz kennenzulernen.




Matthias hatte ein recht gutes Turnier und konnte vor allem im Schlusssprint durch die letzten beiden Runden ein Plus ergattern mit 2,5/6 im starken Teilnehmerfeld.
Lena war insgesamt zufrieden mit 4/6 und konnte einen Damenpreis ergattern.
Für Sven lief das Turnier hervorragend mit 4,5/7, es folgt ein Rückblick aus seiner Sicht.

Persönlicher Rückblick aufs Turnier
Mit einer Performance, die mehr als 200 Punkte über meinem bisherigen Rating lag, war es eines der besten Turniere meines Lebens. Ich durfte auch zum ersten Mal im klassischen Schach gegen einen Großmeister (GM Milov) antreten! Das war ein besonderes Gefühl, allerdings wie erwartet eine relativ einseitige Geschichte, die folgerichtig mit einem Sieg für den GM endete. Hinterher analysierten wir aber noch etwas gemeinsam und er konnte mir ein paar Punkte aufzeigen, wo ich besser hätte spielen können.
Es ist schwer, klare, konkrete Gründe zu identifizieren, warum gerade dieses Turnier so gut für mich lief. Manchmal „läuft es eben einfach“.
Generell war das Konzentrationslevel gut und weitestgehend konnte ich es vermeiden, in Varianten reinzugehen, die Lücken in der Berechnung beinhalten. Diese lassen sich eher vor dem Zug bemerken als Berechnungsfehler – wenn man letztere bemerken würde, hätte man sie vermutlich gar nicht erst gemacht und es kann eben auch nicht alles zehnmal geprüft werden!
Zur Begrifflichkeit: Eine Berechnungslücke ist, wenn bestimmte kritische Varianten nicht berechnet wurden, ein Berechnungsfehler dagegen, wenn bestimmte kritische Varianten falsch berechnet werden. Eine Lücke zu finden erfordert Prüfung auf Vollständigkeit, einen Fehler zu finden erfordert eine bessere Berechnung.
Berechnungslücken sind immer mit einem Risiko verbunden und haben bei mir schon zu vielen Niederlagen geführt. Es gibt oft einfachere Alternativzüge, die auch spielbar gewesen wären, vielleicht nicht die besten, aber mit deutlich geringerem Risiko von Berechnungslücken. Es ist deutlich besser, diese Züge in einer Partie zu finden als danach.
Generell sind die Erklärungen, die man findet für gute wie für schlechte Leistungen natürlich auch nicht immer die zutreffenden. Wenn es anders wäre, wären wohl viele Spieler deutlich besser als sie sind und könnten „Ausreißer“ nach oben besser in konsistente Leistungen verwandeln. Von daher genieße ich dieses Ergebnis, aber bilde mir nicht ein, dass ab jetzt jedes Turnier so laufen würde!
Partieanalyse
Um auch etwas konkret Schachliches aus der Welt der 64 Felder zu berichten, hier ein Auszug quasi aus „den letzten Metern“ vom Turnier in der Schlussrunde, in der ich mit Weiß gegen einen Spieler mit etwa 1950 DZW spielte. Wir steigen in die Partie bei Zug 28 ein, Weiß hatte hier noch knapp 45 Minuten Zeit, Schwarz noch etwa 30:

Wie ist die Stellung einzuschätzen und wie sollte Weiß hier vorgehen?
Die Königssicherheit ist ähnlich gut bei beiden Seiten, materiell ist es auch gleich. Wichtig: Es ist keine taktische Stellung. Das wird uns in einer Partie natürlich nicht gesagt, aber hier gibt es keine Schachs. Weder das Schlagen des Turms durch die Dame noch das Schlagen eines Bauern mit dem Turm bringt hier etwas. Es ist auch nicht klar, dass das Aufstellen konkreter Drohungen hier zielführend wäre und welche das überhaupt sein sollten.
Weiß steht vielleicht etwas aktiver. Es gibt Bauernschwächen auf e4 und b2 und Schwarz hat seinerseits Bauernschwächen auf d6 und b5. Auf d5 ist zudem seit der Eröffnung eine Felderschwäche.
Hier dachte ich eine Viertelstunde nach, um einen Plan und dann einen dazu passenden Zug zu finden.
Schließlich landete ich bei der Idee, den Springer nach d5 zu bringen, ggf. die Leichtfiguren abzutauschen und im Schwerfigurenendspiel gegen d6 und b5 zu spielen.
Wichtig dabei war, dass Schwarz keinen Weg finden würde, gegen e4 und b2 zu spielen.
Dafür musste also der Läufer da weg und d5 für den Springer freigeräumt werden.
Ziel war es also, die Schwächen des Gegners ausnutzen und gleichzeitig die Möglichkeiten des Gegners, die eigenen Schwächen auszunutzen, zu begrenzen. Ein ziemlich typisches positionelles Vorgehen.
28. Dd3
Um den Platz für den Turm freizuräumen und damit d5 für den Springer. Ziemlich langwierig, aber die Stellung ist aktuell nicht offen, also haben wir etwas mehr Zeit als in offenen Stellungen. Zudem greift es auch d6 an.
Der Zug ist aber ein Fehler! 28.g3 mit der Idee anschließend h4 zu spielen und den Läufer zu vertreiben war genauer.
Es zeigt sich: Nur weil ein Plan gut sein mag, bedeutet das noch nicht, dass jeder Zug der grundsätzlich dazu passt, auch selbst gut ist. Schach ist immer konkret und der gespielte Zug schafft konkret eine Lücke in der weißen Stellung.
28…Dc6
Der Gegner nutzt es nicht aus. Der schwarze Zug hat aber durchaus eine innere Logik, so nach dem Motto: Wenn Du d6 gewinnst, gewinne ich e4.
28…Df2 mit anschließendem Dh4 wäre der Weg gewesen, meinen Fehler auszunutzen.
29. g3 Db6 30. h4 Le7 31.Kg2
Jetzt kann die schwarze Dame nicht mehr in die Stellung rein. Normalerweise wäre es gefährlich, den König rauszubringen, wenn noch so viele Figuren da sind, aber die Stellung ist aktuell so geschlossen, dass es hier anders ist.
31…Tb8 32. Se3 Tc6 33. De2 b4
Schwarz hat hier vermutlich gesehen, dass das Endspiel unangenehm für ihn werden würde und sich daher entschieden, etwas Leben in die Partie mit einem Bauernopfer zu bringen und zu versuchen, die Stellung zu öffnen und zu verkomplizieren. Das kann als überzogen empfunden werden, aber laut Stockfish steht die Stellung hier bei +2, insofern ist es nicht abwegig.
34. axb4 a3 35. Sc4
Ein taktisches Motiv (Doppelangriff auf Dame und Bauer), was hier hilft. 35.bxa3 Txc3 stattdessen illustriert ganz gut, was Schwarz vermutlich vorschwebte.
35… Da6
Schwarz antwortet mit einer Fesselung.
36. b3 Dc8

Was ist nun das richtige Vorgehen, um den Bauern auf a3 auch noch zu gewinnen? Wenn der Springer schlägt, fällt ja c3.
37. Ta5
Besser als Ta1, wonach Schwarz noch mit Ta8 antworten kann. Auch dann steht Weiß zwar noch auf Gewinn, aber der Bauer ist nicht mehr sofort zu gewinnen.
37…Ta6 38.Txa6 Dxa6 39.Ta1 d5 40.exd5 Db5

Was könnte hier eine gute Fortsetzung sein?
41. De4
Um zu stabilisieren. Es ist nicht nötig, das Spiel lebhaft werden zu lassen mit 41.Dxe5 Lf6. Schwarz würde dies gern sehen, obwohl auch dies immer noch okay für Weiß wäre.
Die gegnerische Spielweise in den letzten Zügen zeigt ein wichtiges Prinzip auf: Bei statischem Nachteil versuchen, dynamisch zu spielen. Das ist strategisch völlig korrekt in so einer Situation und es war für Weiß wichtig, hier trotz Gewinnvorteil bis zum Schluss konkret aufzupassen.
Wie heißt es so schön? Das Brett ist eckig und das Spiel hat 90 Minuten.
41…Lxb5 42.axb4 Dxb4 43.Txa3 Tc8
Dieser Zug hat eventuell die Idee, auf c4 zu schlagen und dann auf a3, aber Weiß hat ein fieses Zwischenschach auf a8, weshalb es nicht wirklich droht.
44. d6

Es gibt keine aktiven Ideen mehr für Schwarz.
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